Sa 17.02., 20 Uhr ROSA MELONEN SCHNITT FREUDE

von Gertrude Stein mit Blixa Bargeld, Oliver Augst, Pirkko Cremer, Verena Unbehaun in dietheater Künstlerhaus 1010, Karlsplatz 5

Verena Unbehaun und Pirkko Cremer verklammern sich in der Steinschen Konversation - mehr ein Schizolog als ein Dialog. Oliver Augst übersetzt Wörter, Sätze und Silben in neoromantische Vokalisen, und Pop-Ikone Blixa Bargeld versucht, Steins linguistische Rätsel zu entziffern. Zwiebelsuppe In einem Topf über mässiger Hitze 4 in dünne Scheiben geschnittene Zwiebeln unter Rühren mit einem Holzlöffel anbräunen. Nach 20 Min. 1 TL Zucker über die Zwiebeln streuen. 1 1/2 L kochendes Wasser zugiessen. Salzen und pfeffern. Zugedeckt 10 Min. kochen lassen. In eine feuerfeste Form... (Kochen für Gertrude Stein und ihre Gäste, Byblos Verlag, Berlin 1994) Eine Zwiebelsuppe ist eine Zwiebelsuppe ist eine Zwiebelsuppe. Diese Koproduktion von Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt und prinz regent theater Bochum ist nur am Samstag, 17.02.2001 zu sehen und zu hören!

Reservierungen unter 587 05 04.  

 

Feuilleton

ROSA MELONEN SCHNITT FREUDE

Großmutter und die Girlies Frankfurt: Blixa Bargeld spielt Gertrude Stein

Gertrude Stein (1874 bis 1946) ist die Großmutter der literarischen Moderne. Sie hat Grammatik, Semantik und alle Konventionen des Erzählens zu Beginn des 20. Jahrhunderts gründlich durch den Sprachwolf gedreht. Als Picasso in Paris malerisch Formen aufbrach, hat sie Worte und Sätze geknackt, eine Art literarischen Kubismus geschaffen. Heute würde man das wohl eher Dekonstruktion nennen. Am Anfang des 20. Jahrhunderts war es eine schiere Provokation, heute ist es eine Aufforderung, den Geist zu lüften. Die Regisseurin Birgitta Linde versteht sich auf den spielerischen Nonsens, die konkrete Poesie, die Assoziationsspielräume zwischen Sprache und Musik, die Gertrude Stein bietet. Das hat sie vor Jahren bereits zweimal im Frankfurter Mousonturm bewiesen mit "Mexiko. Ein Stück" und "Ladies Voices". Und sie kann es noch immer: "Rosa Melonen Schnitt Freude" ist ein kurzweiliges Theaterstündchen mit einem Text aus der Sammlung "Geography and Plays" (1922). Die Großmutter der Moderne begegnet uns auf der Studiobühne des Mousonturms als Girlie. Rotmützchen und Blaumützchen, zwei junge Damen (Pirkko Cremer und Verena Unbehaun) mit poppigem Outfit, machen offenbar eine Reise mit einem Koffer. Ist es Gertrude Stein mit ihrer Sekretärin und Lebensgefährtin Alice Toklas, unterwegs zwischen London und Paris? Wer weiß? Der Text gibt dazu nicht viel her. Kaum will man sich mal an einen Satz halten, hat ihn der nächste auch schon weggewischt: "Als ich Wasser sagte, meinte ich Sonntag." "Schizologe" nennt sich diese absurde Konversationsform durchaus zutreffend laut Ankündigung. Daneben stellt Birgitta Linde lautmalenden Gesang von Oliver Augst, der mit einem Computer auf dem Schoß Klänge verzerrt. Hinzu kommen Beats aus dem Off und Geräusche aus der Küche. In Gertrudes Kochstudio steht Blixa Bargeld, bekannt als Sänger der "Einstürzenden Neubauten", süffelt Roten, schnippelt und dünstet Zwiebeln, dass es nur so stinkt. Und während sich das olfaktorische Experiment zur Bestimmung der individuellen Ekelgrenze hinzieht, versucht Blixa Bargeld mit Sprache Regie zu führen, die beiden Girlies durch ständige Wiederholungen zu lenken. Doch auch das will nicht gelingen. Bei Stein kann sich keiner seiner Worte sicher sein und damit auch nicht seiner selbst: "James Death ist ein netter Name", spricht Bargeld. Doch spielt er wirklich den Herrn Tod? - "Ich wünscht ich wär, kann sein ich bin." Gertrude Stein ist eben nicht zu fassen. Das macht ihren Reiz aus, und für den hat Birgitta Linde einen ausgeprägten Sinn. Sie klaubt diesmal nicht witzige Assoziationen aus dem Wortsalat, sondern sucht Rhythmus und Musikalität zwischen Geräusch und Sprache. Es ist ein vierstimmiges atonales Fragmenttheater, dessen Schichten sich immer wieder kakophonisch überlagern. Erst am Ende finden die Spieler ihre Harmonie - nicht in der Sprache, sondern im gemeinsamen Groove.

Stefan Benz 340909, DECHO , 15.12.00; Words: 463 © GBI 2000